Nr. 241 vom 09.06.2026
Neuanfang mit Handwerk und Herz - Zwei Auszubildende finden ihren Weg bei Orthopädie-Schuhtechnik Minder in Bopfingen
Es ist früh am Morgen. Noch bevor die ersten Kundinnen und Kunden das Geschäft betreten, ist Alla bereits bei der Arbeit und bereitet routiniert ihren Arbeitsplatz vor. Für die 40-Jährige ist diese Selbstverständlichkeit alles andere als gewöhnlich – ihr Weg hierher war lang und von Herausforderungen geprägt.
Das Familienunternehmen Orthopädie-Schuhtechnik Minder beschäftigt heute rund 50 Mitarbeitende an mehreren Standorten, darunter auch in Bopfingen. Hier werden nicht nur orthopädische Maßschuhe gefertigt, sondern auch Perspektiven geschaffen. Seit dem 1. September 2025 gehen zwei Auszubildende im von Harald Minder und seinem Sohn Lukas geführten Betrieb ihren neuen beruflichen Weg: Alla Shvets und Michél Kühne – beide keine klassischen Lehrlinge, beide mit bewegten Lebensgeschichten.
Alla kam 2022 gemeinsam mit ihrer Tochter aus der Ukraine auf die Ostalb. Der Krieg zwang sie zur Flucht, ein Neuanfang in Deutschland folgte. Zunächst stand das Erlernen der deutschen Sprache im Vordergrund – doch im Alltag wartete eine zusätzliche Hürde: der schwäbische Dialekt. "In der Sprachschule haben wir Hochdeutsch gelernt. Schwäbisch ist etwas ganz anderes", erzählt sie schmunzelnd. Auch im Betrieb sorgt das Thema immer wieder für heitere Momente. Lukas Minder, der sich bemüht, seinen Dialekt im Gespräch mit Alla zu zügeln, betont jedoch, dass die tägliche Anwendung der Sprache entscheidend sei: "Seit Alla im Kontakt mit Kunden steht, haben sich ihre Sprachkenntnisse und ihr Verständnis enorm verbessert."
In ihrer Heimat arbeitete Alla als Ingenieurin. In Deutschland war zunächst unklar, wie ihr beruflicher Weg aussehen könnte. Ein Praktikum im Kindergarten brachte erste Einblicke, doch erst ein Probearbeitstag bei Orthopädie-Schuhtechnik Minder überzeugte sie endgültig. "Ich wusste sofort, dass es passt", sagt sie. Besonders schätzt sie die Verbindung von handwerklicher Arbeit und technischem Denken. "Ich kann hier mit meinen Händen etwas schaffen und gleichzeitig meinen Kopf einsetzen." Ihre Tätigkeit vergleicht sie mit ihrer Leidenschaft fürs Kochen: "Ich habe viele Materialien zur Verfügung – wie Gewürze in meiner Küche – und kann daraus für jeden Kunden das passende Produkt entwickeln."
Auch Michél, 38 Jahre alt, hat im Betrieb eine neue Perspektive gefunden. Der gelernte Zimmermann musste seinen Beruf nach mehreren Bandscheibenvorfällen aufgeben. Eine lange Schmerztherapie folgte, bevor ihn das Jobcenter auf das Familienunternehmen aufmerksam machte. "Es ging alles sehr schnell", erinnert er sich. "Freitag habe ich die Therapie beendet, Montag war ich im Jobcenter, Mittwoch beim Probearbeiten – und am Freitag hatte ich bereits den Ausbildungsvertrag." Für ihn ist die Ausbildung zum Orthopädieschuhmacher ein Glücksfall. Die abwechslungsreiche Tätigkeit ermöglicht es ihm, trotz gesundheitlicher Einschränkungen zu arbeiten. "Hier habe ich Verständnis für meine Situation. Auf dem Bau musste man einfach funktionieren – schnell, schwer, immer weiter." Im Betrieb hingegen erlebt er Rücksichtnahme und Zusammenhalt. "Wir sind alle per Du. Man freut sich morgens, zur Arbeit zu gehen."
Auch von Unternehmensseite wurde die Entscheidung für die beiden Auszubildenden bewusst getroffen. "Ältere Azubis bringen viel Lebenserfahrung mit", betont Lukas Minder. "Sie wissen, wie der Alltag funktioniert, und bringen eine ganz andere Motivation mit." Gleichzeitig ist die Ausbildung anspruchsvoll: Über dreieinhalb Jahre hinweg werden neben handwerklichen Fähigkeiten auch umfangreiche medizinische und anatomische Kenntnisse vermittelt. Alla bestätigt das: "Ich lerne gerade viele Fachbegriffe – und sogar Latein." Trotz der Herausforderungen überwiegt die Begeisterung. Beide Auszubildende schätzen die Vielseitigkeit des Berufs und die Möglichkeit, eigene Stärken einzubringen – sei es in der Werkstatt, im Büro oder im direkten Kundenkontakt. Bei Orthopädie-Schuhtechnik Minder zeigt sich, wie Integration gelingen kann: durch Offenheit, gegenseitigen Respekt und die Bereitschaft, neue Wege zu gehen. Für Alla und Michél ist die Ausbildung mehr als nur ein beruflicher Neustart – sie ist ein Schritt in ein selbstbestimmtes Leben.
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