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Pressemitteilung

Nr. 530 vom 30.12.2020

Das Landwirtschaftsjahr 2020: Krisen- und Normaljahr zugleich

Wegen der Corona-Pandemie wird es im Januar 2021 erstmals seit Menschengedenken den Kalten Markt in Ellwangen nicht in der traditionellen Form geben können. Der Leiter des Geschäftsbereichs Landwirtschaft beim Landratsamt Ostalbkreis, Helmut Hessenauer, hat aber dennoch wie gewohnt einen Rückblick auf das Landwirtschaftsjahr geworfen:

Wie sollte es anders sein? Die Coronakrise hat auch auf die Landwirtschaft weitreichende Auswirkungen. Doch sie fallen, je nach Produktionsrichtung, recht unterschiedlich aus. Corona war nicht die einzige Herausforderung für die Landwirte auf der Ostalb. Der Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest bei Wildschweinen in Brandenburg führte zu Marktverwerfungen, die auch die hiesigen Landwirte treffen. Zudem gab es wieder neue Regulierungen

Als es Mitte März 2020 zum ersten Lockdown kam und weite Teile der Wirtschaft heruntergefahren werden mussten, waren die Befürchtungen auch im Ernährungsbereich groß: Ist die Versorgung mit Lebensmittel gesichert? Lassen sich die Lieferketten aufrechterhalten und wie wird sich der Lockdown auf die Verbraucher- und auf die Erzeugerpreise auswirken?

Schnell wurde klar, dass zwar die Wirtschaft heruntergefahren werden kann, nicht aber die Erzeugung von Lebensmitteln. Die Landwirtschaft gehört als Teil der Lebensmittelerzeugung zur "kritischen Infrastruktur", also jenen Bereichen, die unbedingt weiter funktionieren müssen. Zu Beginn der Pandemie im März kam es zu regelrechten Hamsterkäufen bei lagerfähigen Produkte wie beispielsweise Butter. Unmittelbar nach Ostern brach jedoch der Absatz dieser Produkte drastisch ein. Die rückläufige Nachfrage auf den Exportmärkten, der Wegfall der Nachfrage durch die Gastronomie, Schwierigkeiten in den Lieferketten und Änderungen in den Warenströmen führten zu mehr oder weniger großen Marktverwerfungen insbesondere auf dem für die Ostalb wichtigen Milchmarkt. Je nach Ausrichtung waren die Molkereien recht unterschiedlich betroffen. In Baden-Württemberg blieb es bei einem durchschnittlichen Preisabschlag von etwas mehr als 2 cts./kg bis Mitte Mai – mit allerdings großen Schwankungen zwischen den Molkereien. Im weiteren Jahresverlauf stabilisierten sich die Milchpreise wieder. Für viele unerwartet war der Milchmarkt gegenüber der Coronakrise erstaunlich resilient.

Recht deutlich waren die Rückgänge im Rindfleischsektor. Rindfleisch war deutlich schneller als Schweinefleisch durch die Schließung der Gastronomie und der Fast-Food-Ketten sowie dem Einbruch der EU-Exporte in Richtung Italien, Frankreich und Spanien von der Corona-Krise betroffen. Hochpreisige Teilstücke vom Rind waren dadurch über längere Zeit nicht adäquat zu vermarkten, da die Kompensation der Fleischeinkäufe durch die privaten Haushalte vorwiegend in Form preisgünstiger und einfach zuzubereitender Produkte erfolgte. Zwischenzeitlich hatten sich die Preise wieder erholt. Der Wegfall der Außer-Haus-Verpflegung durch den neuerlichen Lockdown belastet allerdings die Rindfleischpreise erneut.

Die Schweinehalter erlebten in diesem Jahr einen historischen Preisrückgang. Dies lag aber nicht nur an Corona. Anfangs profitierten die Schweinepreise noch von der hohen Exportnachfrage aus China. Dort grassiert die Afrikanische Schweinepest und führt zu hohen Produktionsausfällen. Corona führte jedoch auch beim Schweinefleisch zu Rückgängen bei den Erzeugerpreisen. Der fehlende Außer-Haus-Verzehr wurde durch höhere Umsätze im Lebensmitteleinzelhandel nicht ausgeglichen. Im Laufe der Coronakrise bröckelten die Schlachtschweinepreise ausgehend von einem hohen Niveau um ca. 40 cts./kg ab. Zu deutlichen Preisabschlägen kam es, als im Juli ein großer Schlachthof wegen des dortigen Coronaausbruches für mehrere Wochen geschlossen wurde und nicht mehr alle zur Schlachtung anstehenden Tiere geschlachtet werden konnten.

Dramatisch wurde die Situation auf den Schlachtschweinemärkten durch ein ganz anderes Ereignis. Mitte September wurde bei einem Wildschweinekadaver in Brandenburg unweit der polnischen Grenze der Erreger der Afrikanischen Schweinepest entdeckt. Dies führte zu einem Importverbot in einige südostasiatische Länder, unter anderem nach China. Dort befand sich einer der Hauptabsatzmärkte für Schweinefleisch aus Deutschland. Die Schweinepreise brachen abermals um mehr als 20 cts./kg ein. Zudem konnte aufgrund von Coronaausbrüchen in einigen Schlachtbetrieben und den notwendigen Hygienekonzepten deutlich weniger geschlachtet werden. Dadurch entstand ein Stau an schlachtreifen Tieren, der zusätzlich den Markt belastet und bis heute anhält. Mittlerweile sind die Erzeugerpreise für Schweinefleisch und für Ferkel extrem niedrig. Insbesondere in der Ferkelerzeugung, die hier im Ostalbkreis von Bedeutung ist, ist an eine kostendeckende Erzeugung nicht zu denken. Wie lange diese Situation anhält, ist nicht absehbar. Die Afrikanische Schweinepest ist in Deutschland ausschließlich bei Wildschweinen in Brandenburg und Sachsen an der polnischen Grenze vorhanden. Der wirtschaftliche Schaden entsteht ausschließlich durch die Handelsbeschränkungen.

Ob dieser Krisen ist die abermalige Sorge um die diesjährige Ernte in den Hintergrund getreten. Im dritten Jahr in Folge fehlte es an Frühjahrsniederschlägen. Es gab dann im Frühsommer noch rechtzeitig den benötigten Regen, sodass eine durchschnittliche Getreideernte eingefahren werden konnte. Der August war dann lange Zeit sehr trocken, bevor kräftige Niederschläge im September und Oktober das Defizit ausglichen. Die Erfahrung, dass Wetterlagen länger als früher anhalten, bestätigte sich auch in diesem Jahr. Dies gefährdet aber die Ernteerträge jedes Jahr aufs Neue.

Auch in Sachen Regulierung erleben die Landwirte ein Déjà-vu . Die erst 2017 novellierte Düngeverordnung musste im Mai 2020 auf Drängen der EU abermals verschärft werden. Alle Landwirte müssen deutlich mehr als seither dokumentieren. Die nitratgefährdeten Gebiete wurden neu abgegrenzt. Im Ostalbkreis kamen einige kleinere Gebiete dazu. Dort gelten zusätzliche Einschränkungen.

Auf Landesebene wurde das Biodiversitätsstärkungsgesetz verabschiedet. Es ist die Folge des Volksbegehrens "Rettet die Bienen", das im Jahr 2019 initiiert wurde. Das Gesetz sieht eine Reihe von Maßnahmen vor, mit denen die Biodiversität gefördert werden soll. Unter anderem sollen Biodiversitätspfade und Blühflächen angelegt werden. Auch neu angelegte Schotterflächen in Hausgärten sind untersagt. In der Landwirtschaft soll der Einsatz von Pflanzen-schutzmitteln deutlich reduziert und der Biolandbau ausgedehnt werden. Auch dies erfordert Anpassungsmaßnahmen.

In der Tierhaltung ist die Schweinehaltung von neuen Regulierungen betroffen. In der Zuchtsauenhaltung müssen mittelfristig bauliche Veränderungen vorgenommen werden, damit die Tiere tierwohlgerechter gehalten werden können. Zusammen mit anderen Regulierungen wird dies zu einem weiteren Strukturwandel in der Schweinehaltung und deren weiteren Rückgang im Ostalbkreis führen.

Jenseits aller Schwierigkeiten konnten die Landwirte auch positive Erfahrungen machen. In der Coronakrise wurde schnell deutlich, welche Bedeutung die originäre Funktion der Landwirtschaft, nämlich die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln, hat. Zuletzt schien es in den Zeiten des dauerhaften wirtschaftlichen Aufschwungs, dass gerade diese Funktion hinter anderen Anforderungen an die Landwirtschaft zurückstehen musste. Der Landwirtschaft wurde vor allem zu Beginn der Krise große Wertschätzung entgegengebracht. Die Versorgung mit Lebensmitteln war zu keiner Zeit gefährdet. Die Supermarktregale blieben nicht leer; die Preise für Lebensmittel stiegen nicht an. Alles funktionierte wie in "normalen" Zeiten auch. Auch die Landwirte gehörten zu den "Helden des Alltages".

Ob die Rückbesinnung auf eine nachhaltige und sichere Lebensmittelversorgung als wichtige Funktion der Landwirtschaft nachhaltig ist, muss sich noch zeigen. Nach wie vor gibt es im Lebensmitteleinzelhandel "Kampfpreise", beispielsweise beim Fleisch und der Lebensmitteleinzelhandel hat seine Margen ausgeweitet. Einzelne Ketten zahlen bei Markenfleischprogrammen Mindestpreise, die über den Marktpreisen liegen. Möglicherweise setzt hier ein Umdenken ein und es wird erkannt, dass nicht auskömmliche Erzeugerpreise die heimische Produktion gefährden. Auch der Stellenwert der Regionalität ist während der Coronakrise gewachsen.

Gesellschaftliche Anforderungen, wie die Sicherung der Biodiversität und die Bewältigung des Klimawandels, nehmen die Landwirte ernst. Sie sehen sich als Teil der Lösung. Wichtig ist, dass diese Leistungen durch zielgenaue Förderungen ausgeglichen werden. Gesellschaftliche Leistungen müssen auch von der Gesellschaft als Ganzes getragen werden und können nicht einer Berufsgruppe auferlegt werden.


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