Pressemitteilung

Nr. 250 vom 26.05.2020

Chancen nutzen: Coronöse Zumutungen und geschlechterpolitische Aufbrüche - Ein geschlechterpolitischer Blick der Beauftragten für Chancengleichheit der Städte Aalen, Ellwangen und Schwäbisch Gmünd sowie des Ostalbkreises

"Was wir heute tun, entscheidet darüber, wie die Welt von morgen aussieht."

Die Ansichten über die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie sind sehr geteilt: nehmen wir live am geschlechterpolitischen Rückschritt teil oder sind wir an einem weltweiten Experiment der Flexibilisierung aller Lebensverhältnisse beteiligt? "Was wir heute tun, entscheidet darüber, wie die Welt von morgen aussieht", wusste schon Marie von Ebner-Eschenbach und in diesem Sinne gilt es, die erforderlichen Maßnahmen klug zu wählen und gerade in der Krise eine gute Spur hin zu gesellschaftlicher Modernität und Gerechtigkeit zu finden.

Die Expertinnen Uta-Maria Steybe, Nicole Bühler, Elke Heer und Carmen Venus stellen fest: Auch wenn Frauen und Männer laut dem Grundgesetz gleichberechtigt sind, so haben doch die Corona-Maßnahmen eindeutig Unterschiede in ihren Auswirkungen auf Frauen und Männer. Gesellschaftliche Schwachstellen werden in dieser Krise brüchig und diskriminierende Strukturen werden verstärkt. Gleichzeitig deuten sich Lösungen an.
Vier wichtige Aspekte mögen als Beispiel dienen:
- Systemrelevante Frauen: Care-Arbeit und Einzelhandel
- Bildungs-Ungerechtigkeiten und Migration
- Erwerbsarbeit und soziale Gesellschaft
- Familienformen und Gewalt

Systemrelevante Frauen: Care-Arbeit und Einzelhandel
Im Einzelhandel und in den Care-Berufen arbeiten zu einem großen Anteil Frauen für wenig Geld. Care-Berufe sind alle sorgenden Tätigkeiten, wie Kinderbetreuung, Altenpflege, häusliche Pflege und haushaltsnahe Dienstleistungen. Care-Arbeit ist schlecht bezahlt in Krankenhäusern, Kindertagesstätten, Kindergärten und Altenpflegeeinrichtungen. Oder Care-Arbeit ist gar nicht bezahlt in den Familien. Für beide Formen gilt: es sind hauptsächlich Frauen, die sie ausüben und es passiert meistens freiwillig oder aus Liebe. Nun mit Corona wird klar, wie unverzichtbar die Care-Arbeit und der Einzelhandel für das Funktionieren der Gesellschaft sind und es wird sichtbar, wie anstrengend und gesundheits-gefährdend diese Berufe im Heim, am Herd und an der Kasse sind: die Frauen sind Heldinnen, bekommen Applaus und vielleicht einmalig 1.500 Euro. Die Systemrelevanz der Frauen ist unbestritten - und auch die skandalös schlechten Rahmenbedingungen der sogenannten Frauenberufe.

Ursprünglich feministische Anliegen, wie eine angemessene Bezahlung gesellschaftlich notwendiger Tätigkeiten, weisen weit über Gleichberechtigung hinaus und sind zentral für das Funktionieren einer Gesellschaft. Was vorher schon schlecht war, wird mit Corona nicht besser, nur sichtbarer. Corona macht die Frauen wütend, selbstbewusst und kämpferisch, denn sie sind nun systemrelevant. Seit Corona ist so viel möglich, was vorher nicht mal zu denken war - warum nicht auch endlich Änderungen im ungerechten System der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung und Einkommensunterschiede. Mit den Landfrauen möchte man ausrufen "Lasst dem Applaus Taten folgen!" Es ist Zeit!

Erwerbsarbeit und soziale Gesellschaft
Wenn die Corona-Krise als Chance genutzt werden soll, gilt es, die Rahmenbedingungen der Erwerbsarbeit stärker politisch zu steuern. Staatliche Zahlungen und Subventionen müssen an soziale und steuerliche Bedingungen geknüpft werden. Warum nicht? Es geht um ressourcensparsames, nachhaltiges, stabiles, tragfähiges Wirtschaften und Managen – und es geht um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und eine faire Entlohnung. Entsprechende Anreize können gesetzt werden. Homeoffice wurde jetzt in der Not flächendeckend für Frau und Mann ermöglicht; es könnte nicht nur eine Maßnahme zur Pandemie-Eindämmung, sondern auch verstärkt zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf angewendet werden. Die Erwerbsarbeit von Frauen ist für das Funktionieren von Familie, Gesellschaft und Wirtschaft unabdingbar, daher sind betriebliche und professionelle Betreuungs- und Unterstützungsangebote nötiger denn je. Eine gleichberechtige Arbeitsteilung bei Care-Arbeit und Elternzeit hilft krisenbedingte Schwankungen in ihren Auswirkungen auf die Chancengleichheit auszubalancieren.

Bei fairer Bezahlung und höheren Löhnen steigen auch die Sozialversicherungsbeiträge, die Steuereinnahmen und die Rentenansprüche. Die 450 Euro-Minijob-Falle muss in sozialversicherungspflichtige Teilzeit-Arbeit umgewandelt werden. Dann fielen nicht mehr ca. 70 Prozent der Rentnerinnen unter das Hartz IV-Niveau. Es müssen jetzt die „Anreize“ zu Bedingungen und Forderungen erneuert werden. Das könnte Altersarmut stark mindern.
Mit dem „krisenfesten“ Elterngeld, dem Notfall-Kinderzuschlag, dem Kurzarbeitergeld und den Leistungen nach dem Infektionsschutzgesetz unternahm die Regierung viel, um die wirtschaftliche Stabilität der Familien in der Krise zu sichern (Giffey, 2020). Aber um Mitnahme-Effekte von Unternehmen zu unterbinden, muss die Regierung Bedingungen an die Auszahlungen knüpfen wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, eine faire Bezahlung und Umweltschutz. Nur dann haben die Maßnahmen über die Krise hinaus nachhaltige und system-modernisierende Wirkungen.

Bildungs-Ungerechtigkeiten und Migration
Die Coronakrise mit ihren entsprechenden Einschränkungen und Regelungen traf vor allem die Kinder, mit und ohne Migrationserfahrung, sehr hart: es gibt keinen Schulunterricht, keine Betreuung in Kindergärten und Kindertagesstätten sowie bis vor kurzem noch gesperrte Spielplätze und insbesondere Kontaktverbote mit anderen Kindern. Kinder aber lernen vor allem mit und an anderen Kindern!
Dies hat weitreichende Auswirkungen auf die Sprachentwicklung, die Bildung und das Sozialverhalten. Kinder, deren Muttersprache nicht Deutsch ist und deren Familie keine Bildungsnähe hat, können ihren Sprachschatz nicht weiter ausbauen. Homeschooling kann nur funktionieren, wenn ein entsprechender Zugang zu einem Computer mit Internetanschluss verfügbar ist sowie mit Eltern, die bei den Aufgaben unterstützen können.
Nicht nur die Kinder, sondern vor allem auch deren Mütter werden in die Isolation geschickt, bzw. bei Müttern mit Migrations- oder Fluchterfahrung in der Isolation gelassen.

Diese Frauen hatten auch vor Corona bereits keinen oder kaum Möglichkeiten der gesellschaftlichen Teilhabe - Integrationskurse z.B. bieten keine Kinderbetreuung und Deutschkurse ebenso wenig. Für Frauen mit kleinen Kindern ist das ein unüberwindbares Hindernis. Für viele war die einzige Möglichkeit, überhaupt in Kontakt zu kommen, Gespräche rund um Kindergarten und Schule, was nun komplett weg fällt.
Die Politik ist nun gefragt, schnellstmöglich adäquate Lösungen und Wege aus dem Shut-down zu finden und hierbei vor allem endlich Mütter und Kinder in den Blick zu bekommen.

Familienformen und Häusliche Gewalt
Innerhalb kürzester Zeit hat Corona das Familienleben umgekrempelt. Die Schulen waren zu, Freizeitaktivitäten am Nachmittag entfallen und das Büro findet plötzlich auf dem Esszimmertisch statt. Kino, Café, Bücherei – nichts geht mehr. Die Menschen sollen zu Hause bleiben, um die Ausbreitung des Corona-Virus zu verlangsamen – doch das Zuhause ist nicht mehr dasselbe wie vorher. Viele Familien sind in die klassische Rollenverteilung zurückgefallen. Die Frau kümmert sich um Haushalt und Kinder, der Mann arbeitet Vollzeit und verdient das Geld. Die repräsentative Mannheimer Corona-Studie, die Paare 2018 und Mitte April 2020 befragte, zeigt, dass bei den Müttern von Kindern unter 16 Jahren die Arbeitszeit nur in der Familie - Haushalt und Betreuung - von durchschnittlich 6,9 auf 8,2 Stunden am Tag gestiegen ist. Es sind daher insbesondere die Mütter, die in Coronazeiten die Hauptlast tragen. Sie sind das Rückgrat unseres Systems. Der Staat verlässt sich auf sie. Durch das Schultern von Kinderbetreuung, Homeschooling, Pflege von Angehörigen und Hausarbeit werden sie jedoch oftmals aus der Erwerbsarbeit herausgedrängt, was zu Lasten ihrer Gesundheit, ihrer Erwerbstätigkeit und ihrer materiellen Absicherung geht.

Besonders hart trifft die Situation dabei Alleinerziehende. Und davon gibt es viele. Millionen Alleinerziehende – die große Mehrheit davon Frauen. Für sie besteht meist nicht die Möglichkeit, die Arbeit mit eine/r Partner/in zu teilen. Selbst die, die es sich finanziell leisten könnten, können nicht mehr auf Nannys oder Tagesmütter zurückgreifen, da diese aus Risikogründen nicht mehr arbeiten dürfen.
Kontaktverbote oder Ausgangssperren sollen gegen die schnelle Ausbreitung des Virus helfen. Doch gleichzeitig zwingt es Menschen, auf engstem Raum viel Zeit mit Partner/innen, Familie oder Mitbewohner/innen zu verbringen. Diese Isolation fördert häusliche Gewalt – und das eigene Zuhause ist laut einer aktuellen UNO-Studie ohnehin schon einer der gefährlichsten Orte für Frauen. Kaum jemand bekommt mit, was hinter den geschlossenen Türen passiert. Die Frauenhäuser sind teils überfüllt und auch andere Angebote, wie Nottelefone, können häufig nicht genutzt werden, da der Partner alles kontrolliert. In einer Quarantänesituation steigt zudem der Alkoholkonsum, der Stress und es kommt zu finanziellen Schwierigkeiten.

Geschlechtergerechtigkeit als Lösung
Fakt ist: Diskriminierende Strukturen werden in der Krise verstärkt und die Gefahr einer Re-Traditionalisierung und eines erstarkenden Antifeminismus droht. Wer ohnehin von Rassismus, von negativen Auswirkungen der Klassengesellschaft oder Sexismus betroffen ist, wird diese Diskriminierung während Covid-19 noch stärker spüren. Das trifft dann eben nicht nur Frauen, sondern auch Menschen anderer Geschlechter und Ethnien oder arme Menschen.

Fakt ist auch: Die Corona-Krise wirbelt das Leben aller Menschen gewaltig durcheinander und stellt alle vor große Herausforderungen. Es gibt Wut, Energie und die Menschen sehen, dass fast Undenkbares plötzlich möglich ist. Die Dichterin Mascha Kaleko wusste: "Wenn die Wellen über mir zusammenschlagen, tauche ich hinab, um nach Perlen zu fischen." Die Perlen sind die frauenpolitischen Utopien und Forderungen, die schon lange da sind. Gesellschaftliches Umdenken und Handeln hin zu mehr Geschlechtergerechtigkeit bietet nicht nur aktuelle Krisenbewältigung, sondern auch die Aussicht auf mehr Stabilität, Sicherheit und Glück. Wir müssen nur endlich vom Denken ins Handeln kommen!

Die Beauftragten für Chancengleichheit
• der Stadt Aalen, Uta-Maria Steybe
• der Stadt Ellwangen, Nicole Bühler
• der Stadt Schwäbisch Gmünd, Elke Heer
• des Ostalbkreises, Carmen Venus

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