Pressemitteilung

Nr. 559 vom 18.10.2019

Antibiotika - Fluch oder Segen?

Die diesjährige Kommunale Gesundheitskonferenz des Ostalbkreises im Aalener Landratsamt am 10. Oktober 2019 ging den Fragen nach, wie mit der Zunahme von Resistenzen bei Erregern umgegangen werden kann und wann es wirklich wichtig ist ein Antibiotikum zu nehmen.

Die Einführung von Antibiotika zählt zu den bedeutendsten Fortschritten der Medizin, hierüber herrscht Einigkeit. Doch bereits in seiner Begrüßung wies Landrat Klaus Pavel auf die bestehenden Unsicherheiten der Bürgerinnen und Bürger im Kreis bezüglich Gefahren und Nutzen sowie Vor- und Nachteilen bei der Einnahme von Antibiotika hin.

Prof. Dr. Rainer Isenmann, Chefarzt der Abteilung Chirurgie der St. Anna-Virngrund-Klinik Ellwangen, fand gleich zu Beginn seines Vortrags kritische Worte. Rund 30 Prozent der Anwendungen von Antibiotika seien unnötig, unwirksam oder zu lange. Die Antibiotic Stewardship (ABS) Initiative biete hier Leitlinien für den Krankenhausbereich an. Wichtig seien Schulungen, Überwachungen, Visiten und Beratungen. Doch nicht nur in Krankenhäusern führe übereifriger Einsatz zu Resistenzen. Auch in der Tierhaltung seien multiresistente Erreger ein großes Thema. Jedoch sei ein Rückgang der Antibiotika-Abgabemenge in der Tiermedizin von 1.706 Tonnen (2011) auf 733 Tonnen (2017) zu verzeichnen. Rund ein Zehntel der deutschen Bevölkerung seien bereits Träger multiresistenter Keime ohne es zu wissen. Spezielle Gruppen, wie z.B. Reisende nach ihrer Rückkehr aus Asien und insbesondere aus Indien, sind hierbei in hohem Maße betroffen.

Dies bestätigte auch der Vortrag "Leben mit Multiresistenten Erregern (MRE)" von Prof. Dr. Heike von Baum, Leiterin Krankenhaushygiene am Universitätsklinikum Ulm, die Indien als "Hotspot" für MRE bezeichnete. Doch das vermehrte Auftreten von Bakterien, gegen die Antibiotika nicht wirken, habe viele Ursachen. "Gewissenloser Massentourismus", die mobile Gesellschaft generell und ein zu hoher, unkontrollierter Einsatz von Antibiotika bei Mensch und Tier seien hier zu nennen. Auch der zunehmende Anteil an chronisch Kranken, die über viele Jahre in Krankenhäusern betreut werden, Antibiotikaaufnahme über Nahrung und Frischwasser und unzureichende Hygiene tragen laut von Baum zur Problematik bei. Die Referentin machte deutlich: "Dies alles ist der Preis für dramatisch bessere Heilungschancen, für moderne, hochkomplexe Operationen, für die Möglichkeit aggressiver Chemotherapie sowie eine zentrierte, gewinnoptimierte Struktur der Lebensmittelindustrie."

Nach Kurzprofilen der wichtigsten MRE folgte der deutliche Hinweis, dass diese nicht ansteckend seien, sondern übertragen werden. "Wir sind von oben bis unten die Spielwiese von Bakterien", doch eine reine Besiedelung sei keine Krankheit, so von Baum. Klargestellt wurde, dass multiresistente Erreger eine gesellschaftliche Herausforderung bedeuten. Ressourcen für Personal und Infrastruktur der Krankenhäuser müssten bereitgestellt werden, aber auch jeder Einzelne könne selbst durch aufmerksame Hygiene einen Beitrag leisten.

Zur anschließenden Podiumsdiskussion erweiterten Prof. Dr. Ulrich Solzbach, Vorstandsvorsitzender der Kliniken Ostalb, und Dr. Erhard Bode, der Vorsitzende der Kreisärzteschaft Schwäbisch Gmünd und Facharzt für Lungen- und Bronchialheilkunde, die fachkundige Runde. Als Vorsitzender der Kreisärzteschaft Aalen bedankte sich Rainer Gräter für das gut organisierte MRE-Netzwerk im Ostalbkreis und die aktuellen Informationen für niedergelassene Ärzte. Aus dem Publikum kamen zahlreiche Fragen, die einen weiten Bogen über Tierhaltung, Alternativen zu Antibiotika, Nebenwirkungen bis zur Sanierung der Darmflora nach einer Behandlung mit Antibiotikum spannten.

Die nächste Kommunale Gesundheitskonferenz im Ostalbkreis findet am 14. Oktober 2020 statt.

Diskutierten unter Moderation von Landrat Klaus Pavel (links) und beantworteten Fragen aus dem Publikum (v. l.): Prof. Dr. Ulrich Solzbach, Dr. Erhard Bode, Prof. Dr. Rainer Isenmann und Prof. Dr. Heike von Baum.
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