Pressemitteilung

Nr. 392 vom 15.07.2019

Wie sehen mit der Alterung unserer Gesellschaft und digitaler Unterstützung unsere Nachbarschaften in Zukunft aus? - Welche Möglichkeiten bieten Sozialgenossenschaften?

Auf Einladung der Kontaktstelle Frau und Beruf des Ostalbkreises und der Beauftragten für Chancengleichheit der Stadt Schwäbisch Gmünd diskutierten am Donnerstag, 11. Juli 2017 40 Teilnehmende in der Schwäbisch Gmünder Villa Hirzel, wie der Unterstützungsbedarf von Einzelhaushalten und Familien mit erfolgreichen Geschäftsmodellen gedeckt werden kann.

Eine Möglichkeit ist die Genossenschaft. Sie bündelt Kapazitäten von erwerbstätigen Genossenschaftsmitgliedern, Teilzeitangestellten und Ehrenamtlichen und vermittelt in die Nachbarschaft dorthin, wo Not am Mann ist. Jedes Mitglied kann geben, Hilfsdienste anbieten oder ein Entgelt verdienen, wenn Zeit dafür ist. Wenn man jedoch selbst Bedarf hat, kann man durch das eigene Zeitwertkonto oder gegen Bezahlung Dienste in Anspruch nehmen. Durch digitale Unterstützung könnte Zeit für Bürokratie, Dokumentation von kleinteiligen Aufgaben und Terminkoordination gespart werden und stattdessen in die Kommunikation und tatsächliche Sorgearbeit fließen.

Mit der Schaffung von internetbasierten Plattformen wird die Vermittlung von Angebot und Nachfrage nach Dienstleistungen deutlich einfacher, schneller und transparenter. Kleinere Teilleistungen, neben Reinigungsdiensten auch Botengänge, Reparaturen, das Aufbauen von Möbeln und vielem mehr, die bislang intern, informell oder gar nicht angeboten wurden, können nun digital unterstützt schneller erfasst werden. Bei personennahen Dienstleistungen spielen jedoch die Faktoren Vertrauen, Qualität und Kontinuität eine größere Rolle als bei anderen Plattformanbietern.

Einen sicheren und vertrauensstiftenden Rahmen bietet der Aufbau und die Mitgliedschaft in einer Genossenschaft, bei der man als Mitglied auf die Bezahlungskriterien und die Ausrichtung der Organisation Einfluss nehmen kann. Aktuell werden digitale Plattformen wie das Portal Helpling und Book A Tiger, beide 2014 gegründet, für private Nachfrager nach haushaltsnahen Dienstleistungen am stärksten diskutiert. Als Kunde hat man hier jedoch keinen Einfluss auf die Preis- und Lohngestaltung und das Dienstleistungsangebot.

Die Genossenschaft ist daher ein Modell, das Anita Burkhardt, Gründerin des Vereins Miteinander und Füreinander in Neuweiler MFN e.V., und Hubertus Droste, Bürger Sozial Genossenschaft Biberach eG, auf die Beine gestellt haben, um den Bedarf in der eigenen Nachbarschaft zu decken. Das Angebot ist so attraktiv, dass sich die Genossenschaftsmitglieder seit der Gründung vor drei bis vier Jahren verdreifacht haben und inzwischen in gemeinschaftlichen Wohnraum investieren. Die Sozialgenossenschaft in Biberach wächst weiter, und auch in Neuweiler, einer Gemeinde im Schwarzwald, baut man auf eine Sorgearbeit, die Hand in Hand geht, auf das gemeinsame wirtschaften und vertraut eher der ganz eigennützigen Selbstorganisation und gebündelten Investition als darauf zu warten, dass die Politik dem steigenden Bedarf mit Maßnahmen begegnet.

Carolin Morlock, Initiatorin der Veranstaltung und Leiterin der Kontaktstelle Frau und Beruf, berät Gründerinnen auf ihrem Weg zur Gründung einer sozialwirtschaftlichen Organisation. Ihr und Elke Heer, Beauftragte für Chancengleichheit der Stadt Schwäbisch Gmünd, ist es ein Anliegen, dass die Sorgearbeit auf stabile wirtschaftliche Füße gestellt wird: "Denn unsere gesellschaftliche Realität führt dazu, dass vor allem Mütter, die den großen Teil der unbezahlten Sorgearbeit leisten, selbst ein hohes Armutsrisiko eingehen. Hier braucht es Alternativen."

Dr. Anne-Sophie Tombeil, Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO, stellte ein Online-Hilfsmittel vor, mit dem man eine Gründung strukturieren und planen kann. Denn: „Fürsorge und personennahe Dienstleistungen für Einzelhaushalte und Familien mit Unterstützungsbedarf können durch Netzwerke und entsprechende Geschäftsmodelle und Portfolios erfolgreich etabliert werden“, so die Wissenschaftlerin. „Die Frauen, die Sorgearbeit leisten, sind geübt in Organisation und Kommunikation und wollen ihre Arbeitsumgebung selbst verantwortlich gestalten“, meint Christine Binder, Koordinatorin Netzwerk Einkommen schaffende Dienstleistungen (NEsD) des Landfrauenverbandes Württemberg-Baden e.V. Sie unterstützt bei betriebswirtschaftlichen Fragen im Gründungsprozess. Clemens Wochner-Luikh, Bereichsleiter der Stiftung Haus Lindenhof Schwäbisch Gmünd, sieht die Zukunft in der Sozialwirtschaft in kleinteiliger, an lokalen Bedarfen orientierte Sorgearbeit und plant daher weiter mit entsprechenden dezentralen Organisationsformen.

Die Teilnehmenden tauschten sich noch im Anschluss mit den Gründungsvorbildern und Experten aus Wissenschaft und Praxis zu ihren eigenen Ideen und Vorhaben aus. Schlusswort war die Aussage, es sei wichtig den Aufbau eines Versorgungsnetzes selbst in die Hand zu nehmen, denn die Gesamtnachfrage nach Fürsorge und personennahen Dienstleistungen und unser eigener Bedarf wird weiter steigen.

Mehr zu diesem Thema

· Kontaktstelle Frau und Beruf

Dr. Anne-Sophie Tombeil, Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO, bei ihrem Vortrag 'Personennahe Dienstleistungen - Geschäftsmodelle für Netzwerke gestalten'
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