Pressemitteilungen
Nr. 626 vom 06.12.17

Landwirte müssen beim Tierwohl aktiv mitreden

Pressemitteilung Nr. 626 vom 06.12.17

Bei der 21. Fachtagung für Rinderhalter des Ostalbkreises im Gasthaus Kellerhaus in Aalen-Oberalfingen wurden die interessierten Landwirte über die Notwendigkeit des Erhebens von tierbezogenen Indikatoren zur Ermittlung des Tierwohls, neue Lüftungssysteme in Kälber- und Rinderställen, Neuigkeiten aus dem Veterinärwesen sowie die Auswirkungen der neuen Düngeverordnung auf milchviehhaltende Betriebe informiert.

Prof. Dr. Barbara Benz von der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt (HfWU) in Nürtingen startete die Veranstaltung mit einem dynamischen Beitrag zum Thema Tierwohl. Sie erläuterte, warum es so wichtig ist, tierbezogene Indikatoren zu erheben und ein Baden-Württembergisches Tierwohllabel einzuführen. Seit 2014 ist jeder Tierhalter laut Tierschutzgesetz dazu verpflichtet, das Wohl seiner Tiere anhand geeigneter Indikatoren regelmäßig zu kontrollieren. Im Jahr 2017 hat der Deutsche Tierschutzbund ein eigenes Tierwohllabel veröffentlicht, welches sich vor allem auf Produkten im Discounterbereich wiederfindet. Die Vorgaben dieses Labels können jedoch fast nur in neu gebauten Ställen eingehalten werden. 95 Prozent der baden-württembergischen Betriebe und damit auch ein Großteil der hier gehaltenen Kühe werden dabei gar nicht erfasst, weil sie in älteren Ställen gehalten werden. Die Branche ist nun gefordert, mit einem eigenen Tierwohlprogramm nachzuziehen, das die vorhandenen Verhältnisse in Baden-Württemberg berücksichtigt. Für das Wohlbefinden der Tiere relevante Indikatoren im Bereich der Tiergesundheit (Technopathien, Zellzahl, Lahmheiten), des Tierverhaltens (Bewegungsverhalten, Aufstehverhalten, Liegeposition) sowie des Wohlbefindens (Sauberkeit, Ausweichdistanz) sollen praktikabel und mit überschaubarem Aufwand von den Landwirten selbst erhoben werden können.

Das von der HfWU Nürtingen und dem Landwirtschaftlichen Zentrum Baden-Württemberg (LAZBW) Aulendorf gemeinschaftlich entwickelte Q-Wohl-Projekt bietet Milchviehhaltern die Möglichkeit, eine Eigenkontrolle durchzuführen und zu sehen, ob der eigene Betrieb bei vorgegebenen Mindeststandards für das Haltungsverfahren, beim Management und den tierbezogenen Indikatoren im „grünen Bereich“ liegt. Wenn aus baulichen Gründen ein Standard nicht eingehalten werden kann, gibt es hier - im Gegensatz zu anderen Labeln - alternative Vorgaben. Zum Beispiel kann eine Liegebox mit einer Breite von weniger als 1,25 m die Vorgaben erfüllen, wenn unter anderem ein flexibles Nackensteuer angebracht wird, die Bugschwelle maximal 10 cm beträgt und abgerundet ist. So können die Standards auch in älteren Ställen eingehalten werden. Dies sorgt für eine breitere Wirkung für die Tiere und am Markt. Landwirte können die Eigenkontrolle entweder in Papierform durchführen oder über das Smartphone mit Hilfe der bereits jetzt kostenlos verfügbaren Q-Wohl-App. Die App kann unter www.eigenkontrolle-kuh.de aufgerufen werden. Die Kommunikation mit dem Verbraucher darf nicht alleine dem Tierschutzbund überlassen werden, hier müssen die Landwirte aktiv werden.

Sibylle Möcklinghoff-Wicke, Innovationsteam Milch Hessen, informierte über die Schlauchlüftung im Kälber- und Rinderstall. Aufgrund der besseren Zugänglichkeit und des höheren Bewirtschafterkomforts entscheiden sich Betriebe immer öfter gegen Iglus und für Kälberställe. Um Atemwegserkrankungen vorzubeugen, ist daher eine passende Lüftung essentiell. Die Devise lautet, kontrolliert frische Luft für die "Kleinsten und Großen". Das Ziel im Kälberstall sollte sein, die gleiche Luftqualität des Iglus aber ohne Zugluft zu erreichen. Dafür muss die Luft im Stall mindestens vier Mal pro Stunde ausgetauscht werden. Die Luftgeschwindigkeit im Kälberbereich darf maximal 0,2 m/s betragen. Dadurch wird der Keimgehalt auf unter 15.000 KBE / m³ abgesenkt und so der Krankheitsdruck drastisch reduziert. Jede Schlauchlüftung (positive Druckbelüftung) ist ein Unikat und wird für jeden Stall individuell entwickelt. Die Luft kommt nur dort an, wo sie auch ankommen soll. Ein Ventilator bläst Außenluft in den Schlauch. Über gleichmäßig verteilte Löcher wird diese in den Stall gedrückt und die verbrauchte Luft über seitliche Öffnungen herausgedrückt. Die Löcher im Schlauch sind dabei so platziert und angepasst, dass die Kälber optimal mit frischer Luft versorgt werden, ohne dass hierbei Zugluft entsteht.

Über Neuigkeiten und Dauerbrenner im Veterinärwesen informierte Dr. Martina Bühlmeyer, Leiterin des Geschäftsbereichs Veterinärwesen im Landratsamt Ostalbkreis. In Deutschland werden schätzungsweise jährlich 180.000 hochträchtige Kühe geschlachtet. Das Tiererzeugnisse-Handels-Verbotsgesetz verbietet seit 1. September 2017 die Abgabe von Säugetieren im letzten Drittel der Trächtigkeit zur Schlachtung, ausgenommen sind Ziegen und Schafe. Tierärzte haben die Aufgabe, über Ausnahmen zu entscheiden. Deutschland ist seit 06.06.2017 BHV-1-frei, die Untersuchungspflicht besteht aber nach wie vor. Auch Impftiere sind noch im Umlauf, und die Gefahr einer Reinfektion ist damit noch nicht gebannt. Weitere Themen waren das tierschutzgerechte Enthornen von Kälbern sowie die aktuelle Situation bei der Blauzungenerkrankung.

Die neue Düngeverordnung sorgte im Kellerhaus für reichlich Diskussionsbedarf. Jörg Messner, Landwirtschaftliches Zentrum BW Aulendorf, stellte in seinem Vortrag die relevanten Änderungen und deren Auswirkungen auf milchviehhaltende Betriebe vor. Die streifenförmige Ausbringung von Gülle stand dabei im Mittelpunkt, denn die Breitverteilung ist ab 2020 auf bestelltem Acker und ab 2025 auf Grünland nur noch in Ausnahmefällen zulässig. Der Schleppschuhverteiler ist auf Grünland laut Messner das geeignetste Verfahren. Die Injektortechnik lässt sich nur beschränkt einsetzen, da bei einer mehr als zweimaligen Überfahrung die Verluste im Grünland zu hoch werden. Entscheidend für die streifenförmige Ausbringung ist eine möglichst dünne Gülle. Dafür müssen meist Maßnahmen zur Verbesserung der Fließfähigkeit ergriffen werden. Vor allem die Separierung der Gülle wird für die Praxis an Bedeutung gewinnen. Das Agrarinvestitionsförderungsprogramm bietet für die entsprechende Ausbringungstechnik mit Schleppschuhverteiler und Injektionsgeräten eine Förderung in Höhe von 20 Prozent der Nettoinvestitionen an.